Wissen konservieren und kuratieren mit dem Zettelkasten nach Niklas Luhmann

In meinem Artikel Gegen das Vergessen habe ich das Problem der Konservierung von Wissen angesprochen und eine Lösung in Form einer Leseliste vorgestellt, die das wiederholte Lesen von Büchern in Intervallen ansteigender Länge unterstützt.

Das Thema hat mich aber weiterhin beschäftigt, und ich bin dabei auf eine gute Ergänzung gestoßen: den Zettelkasten nach Niklas Luhmann.

Was ist der Zettelkasten?

Der äußerst produktive Soziologe Niklas Luhmann hat seinen Zettelkasten (streng genommen waren es zwei Sammlungen von Zettelkästen) in den 1950ern gestartet, hatte also nur ‚analoge‘ Technik zur Verfügung. Wir haben es da heute viel einfacher, da uns die moderne Technik einige der Hürden, mit denen Luhmann zu kämpfen hatte, aus dem Weg räumt. Ich werde daher in diesem Artikel gleich die digitale Version vorstellen, so wie ich sie nutze.

Die Idee beim Zettelkasten nach Luhmann ist, dass er so mit Wissen, Ideen und Gedanken ‚gefüttert‘ wird, dass er als Zweitgedächtnis dient, in dem man schnell abgelegtes Wissen wiederfindet. Er nimmt einem sozusagen das Erinnern ab. Ein einführendes Video gibt es hier und hier.

So wird der Zettelkasten befüllt

Um den Zettelkasten mit Wissen anzureichern, geht man in zwei Schritten vor. Im ersten Schritt wird Wissen gesammelt und im zweiten wird es ‚verzettelt‘.

Beim Sammeln von Wissen werden Gedanken so vorbereitet, dass keine weitere Verständnisarbeit mehr erforderlich ist, um sie zu verzetteln. Bücher beispielsweise werden in eine Vielzahl von selbst formulierten ‚Wissenshäppchen‘ umgewandelt, die möglichst alle für sich allein stehen können. Wenn man mit dieser Zielsetzung an ein Buch herangeht, also mit dem Ziel, Schlüsselideen und Konzepte knapp zu formulieren, liest man es auch gleich ganz anders.

Dazu ein Beispiel: ich habe ein Buch zur Cyber Resilience gelesen, in dem die Begriffe Data in transit und Data at rest verwendet wurden. Weil mir das wichtig erschien, habe ich mir in meinen Lesenotizen diese Stelle im Buch notiert (Begriffe und Seitenzahl).

Natürlich kann nicht nur Wissen aus Büchern in den Zettelkasten wandern. Jede Quelle, auch die eigenen Beobachtungen und Gedanken, ist willkommen!

Die so gesammelten ‚Wissenshäppchen‘ sammelt man dann in einer Art Posteingang für den Zettelkasten.

Im zweiten und separaten Schritt ‚verzettelt‘ man dann die ‚Wissenshäppchen‘ aus dem Posteingang für den Zettelkasten, erstellt also die eigentlichen ‚Zettel‘. Die Überschrift der Zettel sollte man dann so formulieren, dass sie auf den Inhalt des Zettels schließen lässt, und zwar möglichst unabhängig von einem bestimmten Kontext. Es empfiehlt sich, im ersten Satz des Zettels den Zettelinhalt zusammenzufassen, so dass man bei der späteren Nutzung relativ schnell sieht, ob ein bestimmter Zettel im aktuellen Kontext nützlich ist. Das spart Lesezeit. Wichtig ist auch, den Zettel kurz und knapp zu formulieren. Man schreibt nicht für ein Publikum, sondern für sich selbst! Ergänzt wird der Zettel noch durch Schlagworte, Referenzen (z. B. Literaturverweise) und Verweise auf andere Zettel (eventuell mit kurzer Begründung, warum man auf einen bestimmten anderen Zettel verwiesen hat).

Schauen wir uns dazu ein Beispiel aus meinem Zettelkasten an, den ich in Evernote führe:

Beispielzettel aus meinem Zettelkasten
Beispielzettel aus meinem Zettelkasten

Die Überschrift des Zettels lautet Definition: Cyber Resilience. Bei mir steht vor der eigentlichen Überschrift noch eine eindeutige ID des Zettels. Die brauche zwar eigentlich nicht, weil Evernote das ‚unsichtbar‘ für mich erledigt, dennoch versehe ich jeden Zettel damit, um es im Falle eines Wechsels zu einer anderen IT-Lösung für den Zettelkasten beim Export und Import leichter zu haben. Diese ID findet sich auch in allen Verweisen wieder. Die ID besteht bei mir einfach aus dem Zeitstempel der Erfassung des Zettels im Format JJJJMMTTHHMM. Da ich in der Regel nicht mehr als einen Zettel pro Minute erfassen kann, ist diese zeitliche Auflösung völlig ausreichend.

Der Beispielzettel ist mit dem Schlagwort Cyber Resilience getaggt. Auch hier schreibe ich das Schlagwort noch mal im Klartext in den Zettel selbst hinein, mit einem vorangestellten kw_ (für Keyword). Dies tue ich ebenfalls, um einen eventuellen Systemwechsel zu erleichtern.

Darunter kommt dann der eigentliche Zettelinhalt und schließlich eine Verweisliste (Siehe auch). Beim letzten Verweis habe ich noch kurz begründet, warum ich den Verweis hinzugefügt habe.

Am Ende des Zettels folgt dann noch ein Literaturverweis.

 

Das hält den Zettelkasten zusammen

Eine wesentliche Eigenschaft des Zettelkastens ist die Verknüpfung von verschiedenen Zetteln. Idealerweise steigt man irgendwo in den Zettelkasten zu einem bestimmten Thema ein und kommt dann ‚vom Hölzchen aufs Stöckchen‘. Anders formuliert: man erkundet das Wissen zu einem bestimmten Thema, das im Zettelkasten hinterlegt ist.

Dazu werden die Zettel im Zettelkasten über verschiedene Mechanismen miteinander verknüpft.

  • Stichworte (Tags)
    Mit modernen Werkzeugen, wie beispielsweise Evernote, kann man sich alle Zettel, die mit bestimmten Tags versehen sind, auflisten lassen, beispielsweise alle Zettel, die mit Change Management getaggt sind. Üblicherweise lassen die Programm die Vergabe von mehreren Tags zu einem Zettel zu.
  • Verweise (Links)
    Innerhalb der Zettel kann man auf andere Zettel verweisen. Dazu kann man die eindeutige ID (siehe oben) verwenden. Lösungen wie Evernote bieten eine Funktion zur einfachen Erstellung von Verweisen in Form von Links.
  • Literaturverweise
    Im obigen Bespiel habe ich als Quelle ein bestimmtes Buch als Quelle benannt. Ich kann mir in Evernote sehr einfach alle Zettel anzeigen lassen, die ebenfalls auf das betreffende Buch verweisen. Ich finde so also alle Zettel, die ich zu einem bestimmten Buch verfasst habe.Die Literatur, auf die verwiesen wird, halte ich auch noch in einem separaten Literaturverzeichnis fest, wo für jedes Werk eine ID (der Citekey) und dessen Titel aufgeführt ist. Den Begriff ‚Literatur‘ nehme ich nicht allzu wörtlich, hier können also auch PDFs, Präsentationen, Videos oder Podcasts gelistet sein.Der Verweis auf die ‚Literatur‘ ist quasi die Verbindungsstelle von der ‚Innenwelt‘ des Zettelkastens zur ‚Außenwelt‘.
  • Globales Schlagwortregister
    Bei einem umfangreichen Zettelkasten empfiehlt es sich, über ein Schlagwortregister einige wenige ‚Einsprungpunkte‘ zu bestimmten Themen/Schlagwörtern anzubieten. Dies könnte beispielsweise in Evernote in Form einer Notiz Schlagwortregister erfolgen.
  • Sammelverweise (Hubs) für einzelne Themengebiete
    Zusätzlich zum globalen Schlagwortregister lässt sich für einzelne Themengebiete jeweils noch ein eigener Sammelverweis anlegen, der wiederum Verweise auf ausgewählte Zettel zu einem bestimmten Thema bietet.
  • Volltextsuche
    Natürlich bieten Systeme wie Evernote auch eine Volltextsuche an. Das Problem dabei ist, dass man dann bei großen Archiven möglicherweise ‚die Nadel im Heuhaufen‘ finden muss. Die Volltextsuche sollte also besser das letzte Mittel sein.
Ein Zweitgedächtnis fürs Leben

Die Idee hinter dem Zettelkasten ist, dass man ihn fleissig füttert und er einem lebenslang als ‚Zweitgedächtnis‘ zur Verfügung steht. Das setzt langfristiges Engagement und eine gewisse Weitsicht voraus.

Alternativ kann man auch einen Zettelkasten für eine bestimmtes Projekt, beispielsweise das Verfassen einer Dissertation, anlegen.

Ich habe mich für die lebenslange Variante entschieden und packe auch all mein Wissen in einen einzigen Zettelkasten. So kann ich auch auf neue Verknüpfungen zwischen verschiedenen Wissensdomänen stoßen.

Der technische Unterbau für den Zettelkasten

Wie soll man den Zettelkasten technisch aufbauen? Das ist keine einfach und allgemeingültig zu beantwortende Frage. Ich als langjähriger Evernote-Anwender habe mich dafür entschieden, mir ein Notizbuch Zettelkasten anzulegen und dort alles hinein zu füttern. Ich muss die Infrastruktur nicht selber betreuen und habe meinen Zettelkasten auf verschiedenen Geräten und auch mobil im Zugriff.

Genausogut kann man aber auch die spezielle Zettelkasten-Anwendung von Daniel Lüdecke benutzen. Eine weitere Möglichkeit wäre die Ablage von Zetteln in Form von Plain-Text-Dateien (TXT), kombiniert mit einem Recherche-Werkzeug, wie nvALT oder der Index-Engine des Betriebssystems. Wikis wären eine weitere Option.

Wie auch immer man sich individuell entscheidet, sollte man einen wichtigen Aspekt nicht aus dem Auge verlieren: die Exportfähigkeit der Daten.

Falls man den Zettelkasten wirklich sehr lange betreibt, ist es wahrscheinlich, dass man mal die technische Plattform wechseln muss. Daher sollten Meta-Informationen, wie die Zettel-ID und Tags so abgelegt sein, dass sie auch einen Systemwechsel überleben.

Fazit

Mit dem Zettelkasten steht eine vielversprechende Möglichkeit zur Verfügung, sein Wissen über das Vergessen hinaus dauerhaft verfügbar zu machen. Aufbau und Pflege des Zettelkastens sind mit einem gewissen Zeitaufwand verbunden, doch der kann sich langfristig lohnen.

 

Lesetipps

 

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